Heiß diskutierte Reform
Jetzt ist sie für alle verpflichtend
Obwohl die neuen Spielformen im Kinderfussball bereits 2022
verabschiedet und für die Saison 2024/25 verpflichtend eingeführt
wurden, wird diese Reform heiß diskutiert. Namhafte Akteure im Fußball
äußern Ihre Meinung und die ist nicht nur unterschiedlich, sondern auch
äußerst konträr. In der Gesellschaft ist ein breiter Diskurs entstanden.
Hier haben wir ein paar Aussagen und Erfahrungen der letzten beiden
Jahre einmal für Sie zusammengestellt.
Während Ralf Rangnick, Nationaltrainer in Österreich, die Reform folgendermaßen kommentiert: "Wenn bei uns, beim ÖFB, man auf die Idee kommen würde, mir zu erklären, dass es bei den Sechs- bis Zwölfjährigen keine Tabellen mehr gibt, keine Ergebnisse zum Schluss und auch nicht aufgelistet wird, wer die Tore geschossen hat, dann kriegt derjenige mit mir ein Problem. Da dreht man am völlig falschen Rad."
Julian Nagelsmann, Trainer der deutschen Nationalmannschaft, dagegen meint: "Ziel muss es sein, mehr Individualisten auszubilden, technisch starke Spieler. Weniger Konzeptspieler - mehr freche Straßenkicker. Dabei halte ich das Drei-gegen-drei auf Mini-Tore für alternativlos, um mehr Ballaktionen zu haben, Eins-gegen-eins-Situationen, Abschlüsse. Auch körperlich schwächere Spieler kommen so häufiger an den Ball. Bei den Kids in der TSG-Akademie ist es ein wichtiger Schwerpunkt. Dahin sollte generell der Weg gehen."
Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer bei Borussia Dortmund und Mitglied im Präsidium des DFB, bezeichnete die Reform als "unfassbar" sowie "für mich nicht nachvollziehbar" und sprach von einem "grundsätzlich falschen Ansatz". "Es gab ja die Diskussion, nicht mehr auf Tore zu spielen", äußerte er in der Öffentlichkeit und polemisiert: "Demnächst spielen wir dann noch ohne Ball. Oder wir machen den eckig, damit er den etwas langsameren Jugendlichen nicht mehr wegläuft."
Sportpsychologin Frauke Wilhelm ist seit über zehn Jahren im Fußball unterwegs, hat am Nachwuchsleistungszentrum von Hannover 96 gearbeitet, DFB-Nachwuchsteams und auch den FC St. Pauli betreut. Wilhelm arbeitet am IFI, dem Internationalen Fußball Institut in Ismaning bei München, eine auf den Bereich Spitzenfußball im deutschsprachigen Raum spezialisierte, akademische Beratungs- und Forschungseinrichtung des Hochschulnetzwerkes IUNworld. Sie meint: "Wir haben im Moment in Deutschland ein System, das frühzeitig Tabellen hat und Meister ausspielt, weshalb Trainer und Eltern unbedingt gewinnen wollen. Das führt dazu, dass die besten Kinder gefördert werden, die schlechteren nicht spielen. Das ist eine Situation, die wir uns gar nicht leisten können, denn durch den ausschließlichen Fokus auf die talentiertesten Fußballer verlieren wir viele Kinder."
Der Fussball in England und Belgien hat mit ähnlichen Formaten sehr gute Erfahrungen gemacht. Jamal Musiala, das Ausnahmetalent mit Ausbildung in England, sagt: "In Deutschland gibt es schon für unter Zehnjährige ein Ligensystem, wohingegen das in England bis zur U18 nicht üblich ist. Da hat man viel weniger Druck und mehr Zeit, sich zu entwickeln, man kann viel freier spielen."
Ein Beispiel, das Musialas Aussage aktuell unterstreicht, ist Elias Saad vom FC St. Pauli. Sein Trainer Fabian Hürzeler glaubt, dass es künftig wieder mehr Spieler wie Saad brauchen werde, die nicht nur in Systemen denken und spielen können, sondern kreativer und freier agieren. "Das hat er sich selbst durch viel Zocken mit Freunden angeeignet."
Auch für Sportpsychologin Frauke Wilhelm ist die Reform richtig. Es sei nötig, "eine Breite von Spielern zu fördern, weil die Erfahrung zeigt, dass manche erst später gut werden. Aus dieser Fülle kann dann auch der deutsche Fußball im Nachwuchsbereich schöpfen, der in den vergangenen Jahren sicherlich auch nicht überragend war."
Marc Kuhlmann, hat in seiner Funktion als Sportlicher Berater bei Borussia Münster bereits 2016 interne FUNino-Spielrunden eingeführt. Acht Jahre später, 2024, soll der 3-gegen-3-Minifußball dann auch endlich bundesweit flächendeckend verpflichtend gespielt werden: "Unsere Kicker im Klub werden dann mit den neuen Spielformen schon lange vertraut sein. Für mich ist ein 3 gegen 3 auf 4 Minitore der bestmögliche Ausschnitt eines Wettspiels: Denn das Spiel ist schnell, facettenreich und bietet alles, was später im großen Fußball gefordert ist. Zweikämpfe, Dribblings, Pässe, Torschüsse und vor allem – Umschaltphasen!"
Quellenangaben:
https://www.kicker.de/der-neue-kinderfussball-eine-diskussion-fernab-der-realitaet-973907/artikel
https://www.kicker.de/diskussion-im-nachwuchsfussball-der-krampf-mit-dem-wettkampf-978394/artikel
https://www.ndr.de/sport/fussball/Watzke-poltert-gegen-Reform-im-Jugendfussball-Psychologin-widerspricht,nachwuchsfussball100.html
https://www.fupa.net/news/dfb-reform-bei-den-juengsten-mini-fussball-erntet-lob-und-kritik-2912609
https://www.1x1sport.de/fussball/3-gegen-3-beste/
